Makroaufnahme eines Insekts mit großen facettierten Augen auf einem grünen Pflanzenhintergrund

Das Thema

INSEKTENSTERBEN

Was ist das Insektensterben?

 

Die Biodiversität – die Vielfalt der Arten, Gene, Lebensräume und ökologischen Beziehungen – geht weltweit stark zurück. Die Natur ist dynamisch, und Arten sterben ständig aus. Aber die Zahl der aussterbenden Arten liegt momentan tausend- bis zehntausendmal höher als in vergangenen Zeiten. Ein wachsender Anteil der Fachleute spricht von einem sechsten Massenaussterben, das in seiner Zerstörung durchaus vergleichbar ist mit dem Meteoriteneinschlag, der die Dinosaurier ausgerottet hat. Den Grund dafür sehen wir jeden Tag im Spiegel: Menschen raubten und rauben durch Lebensraumzerstörung, gezielte Tötung, Umweltverschmutzung und Klimawandel zahllosen Tieren und Pflanzen die Lebensgrundlagen.

Bei den Grössten – Mammut, Auerochse, Dodo, Riesenalk, Amerikanischer Kastanie oder Sumatranashorn – ist der Verlust offensichtlich und nicht zu leugnen. Bei den Kleinsten, wo lange niemand genau hinschaute, dauerte es viel länger, bis wir die Verluste bemerkten. 

Geschichte des Insektensterbens

 

Grob gesagt gibt es drei Wellen des Insektensterbens:

  1. Am Anfang der Industrialisierung im 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden in Westeuropa und Nordamerika Flüsse und Bäche begradigt, Sümpfe und Moore trockengelegt und Heideflächen gedüngt. Vor allem wollte man damit Landwirtschaftsland gewinnen; weitere Faktoren waren die Schifffahrt, der Torfabbau, die Bekämpfung von Malaria und gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch die Stromproduktion aus Wasserkraft. Dies führte zu einem massiven Rückgang zahlreicher Sumpf- und Wasserinsekten. Der Rückgang wurde von Anglern, Schmetterlingssammlern und Naturliebhaberinnen bemerkt, aber er führte zu keinem nennenswerten Aufschrei. Die Wasserinsekten, die damals zurückgingen, nehmen heute teilweise wieder zu, weil wir strengere Abwasservorschriften haben und gewisse kanalisierte Flüsse und Bäche wieder renaturieren.

  2. Der Abbau von Guano, wenig später die Erfindung des Kunstdüngers und der synthetischen Pestizide führten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer Intensivierung der Landwirtschaft, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg nochmals verstärkte. Im Zuge dieser Intensivierung wurden auch unzählige Kleinlebensräume wie Hecken, Feldbäume und Steinhaufen zerstört, um Platz für die grossen Landmaschinen zu machen. Ein Grossteil des Insektensterbens ist auf diese, grösste Welle zurückzuführen. Teilweise leicht zeitverzögert fand diese Welle auf allen Kontinenten ausser der Antarktis statt.

  3. Seit den Achtzigerjahren sind zwei Entwicklungen dazugekommen: Erstens der immer stärker spürbare Klimawandel. Er macht den Insekten heute besonders in tropischen Regionen zu schaffen, wo sie an konstante Temperaturen gewöhnt sind. Zweitens wurde die erste Generation Pestizide durch sehr viel langlebigere Stoffe ersetzt, deren Abbauprodukte über Jahre im Boden oder im Wasser bleiben und dort Insekten schädigen.

Bereits Mitte des 20. Jahrhunderts bemerkten amerikanische und mitteleuropäische Vogelfreund:innen, dass die Vögel im intensiv bewirtschafteten Landwirtschaftsland deutlich seltener wurden – besonders die strengen Insektenfresser. 1963 veröffentlichte Rachel Carson ihr Sachbuch «Silent Spring» (auf deutsch: «Der stumme Frühling»), und schon damals vermuteten viele Fachleute einen Rückgang der Nahrungsgrundlage als Hauptgrund. Was auch logisch wäre: Wo grossflächig Insektizide versprüht und Insektenlebensräume zwischen den Feldern zerstört werden, gibt es weniger Insekten. Aber die strikten Insektenfresser unter den Vögel sind meist auch Langstreckenzieher, und Zugvögel werden im Mittelmeerraum bis heute bejagt. So war nicht ganz klar, ob die Jagd oder die Landwirtschaft einen grösseren Einfluss auf die Zugvögel hatten. Und weil der Einsatz gegen Fremde immer mehr Spendengelder erzielt als der Einsatz gegen die eigenen Fehler, fuhren Naturschutzorganisationen in Mitteleuropa in den Sechziger- bis Neunzigerjahren vor allem laute Kampagnen gegen die Vogeljäger in Italien, Malta und Zypern. Das Insektensterben geriet wieder in Vergessenheit. Dies änderte sich auch kaum, als mehr und mehr Arbeiten einen klaren Rückgang von Insekten und insektenfressenden Vögeln im Landwirtschaftsland zeigten (beispielsweise diese, diese und diese). Die Fachwelt nahm davon Kenntnis, aber ein breiteres Publikum erreichte sie damit lange nicht.

Eine zwiespältige Rolle nahm der international erfolgreiche Schweizer Dokumentarfilm «More Than Honey» ein: Er thematisierte zwar die Zusammenhänge zwischen der industriellen Landwirtschaft und dem Rückgang der Insekten – aber leider inhaltlich nicht richtig. Die Probleme der Honigbiene, die zu einer schlechteren Gesundheit der Bienen und zum Zusammenbruch vieler einzelner Bienenstöcke führen, aber nicht zu einem Rückgang der Honigbienen als Art, vermischte der Film mit dem Insektensterben. Die Honigbiene ist ein Nutztier, dessen Zahl weltweit seit Jahrzehnten zunimmt. «More Than Honey» hätte die Chance gehabt, ein breites Publikum für die Probleme der wilden Insekten zu sensibilisieren. Aber dank diesem Film dachten stattdessen viele, dass die Honigbiene aussterben würde. Das Insektensterben blieb unverstanden.

Dies änderte sich erst 2017, als der entomologische Verein Krefeld eine sehr sorgfältige Studie publizierte. Diese wies nach, dass die Biomasse der Insekten in deutschen Naturschutzgebieten (!) in knapp dreissig Jahren um 75% abgenommen hatte. Deutsche Naturschutzgebiete werden im internationalen Vergleich gut gepflegt, aber sie sind meist recht klein und grenzen an Landwirtschaftsland. Wenn diese Randeffekte so krass sind – wie stark sind die Insekten erst im Landwirtschaftsland selbst zurückgegangen?

Die «Krefelder Studie» schaffte es mit ihrer Klarheit und ihrem Schockfaktor, auch Journalistinnen und Journalisten dazu zu bewegen, über das Insektensterben zu schreiben. Mit ihr ist die Thematik endlich in einem breiteren Publikum angekommen. Das zunehmende Interesse hat auch zu mehr und besser finanzierten Studien geführt, die seither veröffentlicht wurden. Dank ihnen ergibt sich ein immer klareres Bild der Problematik.

Ursachen des Insektensterbens

Ohne Zweifel ist die Zerstörung und Fragmentierung der Lebensräume der grösste Treiber des Insektensterbens. Diese wird wiederum vor allem von der Industrialisierung der Landwirtschaft angetrieben, hauptsächlich über folgende Mechanismen:

  • Pestizide (nicht nur Insektenschutzmittel, sondern auch gewisse Fungizide, Herbizide und Parasitenmedikamente für Haus- und Nutztiere) töten oder schwächen Insekten direkt. Langlebige oder unsachgemäss eingesetzte Pestizide tun dies auch weit weg vom Ort, wo sie versprüht wurden.

  • Dünger und Gülle verschmutzen Bäche, Flüsse und Seen. Sie können dort Algenblüten auslösen, die den gesamten Sauerstoff im Gewässer aufbrauchen und alle anderen Wasserorganismen ersticken – darunter unzählige Insektenlarven. Werden magere Wiesen gedüngt und öfter gemäht, verschwindet zudem ein Grossteil der Pflanzenvielfalt, mit allen Tieren, die von ihm abhängen. Die dichter und höher wachsenden Pflanzen sorgen dazu auch noch für ein kälteres, feuchteres Mikroklima am Boden, was vielen Bodeninsekten nicht gefällt.

  • Die immer grösseren Felder, angepasst an grosse Landmaschinen, brauchen immer mehr Pestizide. Dies, weil sie riesige Buffets für Schädlinge sind. Je mehr Pflanzen derselben Art nebeneinander stehen, desto stärker ziehen sie pflanzenfressende Insekten an. Andererseits gibt es zwischen grösseren Feldern auch weniger Platz für Hecken, Buntbrachen und andere wertvolle Randlebensräume.

  • Die Trockenlegung von Feuchtgebieten und der hohe Wasserverbrauch für die Landwirtschaft zerstört ebenfalls den Lebensraum von Wasser- und Sumpfinsekten.

Andere Treiber der Lebensraumzerstörung sind:

  • Der Bau von Siedlungen und Strassen. Besonders viel Land verschlucken Einfamilienhaus-Quartiere, und besonders wertvolle Insektenlebensräume werden an Südhängen und Ufern verbaut.

  • In Flüssen Schifffahrt und Flusskraftwerke. Für sie werden Flüsse kanalisiert und verlangsamt, was die Lebensräume zahlloser Wasserinsekten zerstört.

Dazu kommen weitere Gründe für den Rückgang der Insekten. Die wichtigsten davon sind:

  • Die Lichtverschmutzung, also die zunehmende Beleuchtung von Siedlungen und Strassen. Sie raubt nachtaktiven Insekten wie Nachtfaltern, Bockkäfern und Glühwürmchen den Lebensraum.

  • Die Klimakatastrophe. Eine direkte, schon recht gut belegte Auswirkung ist, dass die steigenden und stärker variierenden Temperaturen viele tropische Insekten ans Limit bringen. Die indirekten Auswirkungen des Klimawandels könnten noch viel gravierender sein, sind aber bisher noch wenig erforscht.

  • Stellenweise auch invasive und eingeführte Arten. Dies besonders gravierend auf Inseln, aber teilweise auch als Konkurrenz oder Krankheitsüberträger auf dem Festland, wie es bei der als Bestäuberin überall eingeführten Dunklen Erdhummel beobachtet wird.