Nahaufnahme eines Käfers auf einem Farnblatt in dunklem Hintergrund.

Das Thema

INSEKTEN FÖRDERN

Im Garten

 

Mittlerweile findest du in jedem Gartencenter eine Ecke, die mit «Insekten fördern» angeschrieben ist. Aber Achtung: Lang nicht jede Pflanze, die als bienenfreundlich beschriftet ist, bringt den Bienen wirklich etwas. Und die meisten Nisthilfen im Verkauf sind nahezu wertlos. Hier sind die sechs grössten Hebel, mit denen du Wildbienen und andere Insekten im Garten aktiv fördern kannst:

Auf folgende Dinge sollte man hingegen unbedingt verzichten:

 

1.        Pestizide
Dazu zählen nicht nur Insektenvertilger, sondern auch Fungizide und Herbizide, von denen viele auch für Wasserinsekten und Bestäuber giftig sind. Und auch diverse für den Bioanbau zugelassene Mittel sind nicht gerade unproblematisch für Insekten. Zum Beispiel Kupfer, Schwefel oder das Buchsbaum-Spritzmittel «Delfin», das nicht nur den Buchsbaumzünsler tötet, sondern jede Schmetterlingsraupe im näheren Umkreis.

Kräuter, Gemüse, Früchte und Beeren kannst du sehr gut ohne Pestizide ziehen, indem du eine grosse Arten- und Sortenvielfalt anpflanzt, die gut an die Standortbedingungen angepasst ist. Achte dabei auch darauf, welche Arten du nebeneinander setzt. Unter dem Stichwort «Mischkultur» gibt es im Netz und in der Literatur unzählige gute Tipps, welche Pflanzen einander im Wachstum unterstützen und Schädlinge fernhalten. Wenn Zierpflanzen stark von Schädlingen befallen sind, ist das meist ein klares Signal dafür, dass sie am falschen Ort stehen. Ersetz sie durch eine besser angepasste, widerstandsfähigere Pflanze, statt Pestizide zu sprühen. Und bei Wildpflanzen wie Pfaffenhütchen, Traubenkirsche oder Witwenblumen gehört ein saisonaler Befall mit Raupen oder Läusen zum natürlichen Zyklus. Die Pflanze überlebt ihn problemlos, und unzählige Vögel und andere Insektenfresser profitieren davon.

2.        Dünger
Jene Stoffe, die unsere Gewässer derzeit am stärksten belasten, sind keine Pestizide, sondern Nitrat und Phosphat aus Dünger, Mist und Gülle. Dünge deshalb generell nur Nutzpflanzen und Topfpflanzen. Zier- und Wildpflanzen brauchen keinen Dünger. Verwende Feststoffdünger wie Kompost, Kaffeesatz oder Mist, in denen die Nährstoffe gut gebunden sind und nicht gleich ins Grundwasser abfliessen. Gib immer nur kleine Mengen, dafür häufiger, statt alles auf einmal.

3.        Mähroboter und andere Rotormäher
Jede Klinge, die sich dreht, häckselt das Gras in kleine Stücke. So sterben viel mehr Insekten als bei einem Balkenmäher oder einer traditionellen Sense, die jeden Halm nur einmal durchschneiden. Besonders schlimm treffen Rotormäher grössere Insekten wie Grashüpfer und Schmetterlingsraupen. Bei Mährobotern kommt noch dazu, dass sie viel zu oft unterwegs sind, dass die Klinge viel zu weit unten liegt, und dass sie auch gut sichtbare Kleintiere wie Schnecken, Eidechsen oder Igel rücksichtslos überfahren.
Kurz: Verwende keinen Mähroboter und mäh deine Wiese, wenn möglich, mit Sense oder Balkenmäher.
Wenn du nichts anderes hast als einen handelsüblichen Rotor-Rasenmäher: Stell ihn so hoch ein, wie es geht, und mäh streifenweise nur die eine Hälfte der Wiese; die andere erst 3-4 Wochen später. Such dir zum Mähen einem warmen Tag aus, an dem die Insekten aufgewärmt sind und vor dem Mäher fliehen können.

Auf dem Balkon

Auf dem Balkon sind deine Möglichkeiten etwas begrenzter als im Garten, aber auch ein Balkon kann vielen Insekten Nahrung und Unterschlupf bieten. Hier sind die drei grössten Hebel:

In der Landwirtschaft

  

Da beim Thema Landwirtschaft die Emotionen sofort hochkochen, lasst uns das Thema erst einmal nüchtern einordnen:

Bis zum Zweiten Weltkrieg war das Landwirtschaftsland das Zentrum der Insektenvielfalt in der Schweiz. Die traditionelle Landwirtschaft mit wandernden Viehherden, mageren Wiesen, kleinen Feldern und zahlreichen Kleinstrukturen wie Hecken und Buntbrachen trug mehrheitlich positiv zu dieser Vielfalt bei. Seit der Industrialisierung der Landwirtschaft in den Fünfziger- und Sechzigerjahren hat sich dies dramatisch verändert – die Landwirtschaft ist heute der Haupttreiber des Insektensterbens. Dies liegt vor allem am grossflächigen Einsatz von Pestiziden und Dünger, der Umstellung von Wanderhirten auf Dauerweiden und Viehställe sowie den ausgeräumten, für grosse Maschinen optimierten Feldern und Nutzwiesen.

All diese Entwicklungen wurden von Agrochemiefirmen, Grossbauern und bürgerlichen Politikern angetrieben und können keineswegs den einzelnen Bauernfamilien zur Last gelegt werden. Im Gegenteil, diese leiden mit: Neben den Insekten hat auch die Anzahl der Höfe und der landwirtschaftlichen Arbeitsplätze dramatisch abgenommen. Dies, weil die modernen Produktionsmethoden viel grössere und riskantere Investitionen erfordern, was ein Kleinbetrieb kaum zu stemmen vermag. Der ökonomische Druck und die finanzielle Unsicherheit sind auch die Haupttreiber hinter der hohen Depressions- und Suizidrate in der Bauernschaft.

Wer jetzt denkt, dass das alles nötig ist, um die Welt zu ernähren, liegt falsch. Industrielle Höfe produzieren pro Quadratmeter weniger Nahrung als Kleinbauern, Bauerngärten oder sogar Schrebergärten. In klimatisch schwierigen Jahren produzieren sie sogar viel weniger, weil all die Hochleistungssorten auf optimale Bedingungen ausgelegt sind.

Industrielle Landwirtschaft ist nicht besonders produktiv – bloss profitabel, weil sie wenig Arbeit erfordert und Arbeit teuer ist. Aber Arbeit und Geld sind weniger knapp als gutes Land. Aktuell werden immer noch riesige Naturflächen zerstört, um neues Land für die Nahrungsmittelproduktion zu gewinnen. In Südostasien, im Amazonas, in West- und Zentralafrika brennen Regenwälder; im Süden Südamerikas, in Ostafrika und in Indien werden grosse Savannengebiete gerodet und gepflügt. Damit können wir entweder so lange weitermachen, bis nichts mehr übrig ist. Oder wir können eine Landwirtschaft aufbauen, die mit dem Land wirtschaftet, statt nur mit Geld.

Was können wir als Gesellschaft tun?

Die Lösungen im Ackerbau sind bekannt. Weltweit gibt es hochproduktive agrarökologische Methoden, oft mit jahrhundertelanger Tradition, die die Insektenwelt fördern statt bekämpfen, die Böden schonen und pro Quadratmeter deutlich höhere und konstantere Erträge erzielen als die industrielle Landwirtschaft. Sie reichen von der jahrtausendealten zentralamerikanischen Milpa («Indianerbeet») über die amazonischen und polynesischen Waldgärten, die traditionellen europäischen Schreber- und Bauerngärten oder asiatische Aquakulturen mit Fischen und Reis bis hin zu Erfindungen der letzten Jahrzehnte wie den kubanischen Organoponicos oder dem in Kenia entwickelten Push-Pull-Maisfeld. Mit solchen Methoden könnten wir auf einer deutlich kleineren Fläche als heute mehr als genug Nahrung für die ganze Weltbevölkerung produzieren.

All diese Anbausysteme haben allerdings etwas gemeinsam: Sie erfordern mehr Arbeit und meist auch etwas mehr Fachwissen als industrielle Anbaumethoden. Darum sind sie momentan nur in armen Ländern rentabel, und sie sind den meisten Bäuerinnen und Bauern unbekannt.

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